Fernsehen mit Haltung

(Medientage, 2020) Dokumentarische Fernsehqualität als Ergebnis von Offenheit und Empathie: „In den Medien ist man gut beraten, wenn man auf Augenhöhe agiert“, empfahl RTL-II-Programmleiter Tom Zwiessler im Rahmen der MEDIENTAGE MÜNCHEN. Ein weiterer wichtiger Faktor sei Zeit. Darin waren sich die weiteren Experten eine Talks über Haltung im Fernsehen einig, an dem auch der Journalist Thilo Mischke und Emanuel Rotstein, der den Programmbereich History, Crimeund Investigation bei A+E Networks Germany verantwortet, teilnahmen.

„Muss das Fernsehen angesichts zunehmender Radikalisierung, Fake News und Verschwörungstheorien gegensteuern und auch jenseits klassischer Nachrichtenformate mehr gesellschaftliche Themen behandeln?“, stellte Moderatorin Tatjana Kerschbaumer die Eingangsfrage. „Gegensteuern“ sei hier der falsche Begriff, entgegnete Thilo Mischke, der für seine ProSieben-Reportage „Deutsche an der ISIS-Front” mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde. Angebracht sei, auf die Gesprächspartner zuzugehen und „gemeinsam nach Lösungen zu suchen“. Für seine preisgekrönte Dokumentation habe er in Diskussionen mit Rechtsextremen und Verschwörungstheoretikern herausfinden wollen, wie sie fühlen. Eine solche Herangehensweise sieht Mischke generell als wichtige Aufgabe für das Fernsehen: „Auf die Leute zugehen und sie verstehen wollen.“ Wie viel Nähe und Verständnis erfordere dies bei immer knapper werdenden Budgets, lautete Tatjana Kerschbaumersnächste Frage. „Nähe ist weniger wichtig als Zeit und Unvoreingenommenheit“, antwortete Mischke: „Dann öffnen sich die Menschen.“ Auch für die Zuschauer sei dies ein Mehrwert.

Empathie ist auch nach Ansicht Emanuel Rotstein ein Schlüsselbegriff und die Grundlage für die Formate des Pay-TV-Programmangebotes „History“. Rotstein warnte: „Schubladendenken und aktives Gegensteuern macht sich sofort bemerkbar. Als Resultat ist man dann die ‚Lügenpresse‘.“

„Zeigen, was ist“, lautet Tom Zwiesslers Überzeugung im Hinblick auf die von ihm verantworteten RTL-II-Dokumentationen überbestimmte soziale Gruppen wie beim Format „Hartz und Herzlich“. Dazu brauche man keine „Dramaturgie von oben“. Vielmehr müssten die journalistischen Standards stimmen. Zur Verantwortung der (privatwirtschaftlichen) TV-Programmanbieterergänzte Zwiessler: „Der ethische Auftrag kommt durch die Reichweite. Indem wir solche Themen in Unterhaltungsformate integrieren, bekommen sie eine echte Chance, gesehen zu werden.“ Bei RTL II gehe dieses Konzept auf und werde gerade „die Primetime für diese Themen ausgeweitet“, was intensiv auch von Social-Media-Inhalten begleitet werde.

Grundsätzlich empfehle es sich, so betonte Thilo Mischke, nicht in Zielgruppen zu denken – das sei Aufgabe der Programmplaner –, sondern dem eigenen Bedürfnis, die Geschichte erzählen zu wollen, zu folgen. Zu berücksichtigen sei jedoch gleichzeitig die Frage: „Kann ich die Geschichte sorg-fältig und guten Gewissens im vorgegebenen zeitlichen und finanziellen Rahmen machen?“

„Fernsehen mit Haltung: Soll und darf das unterhalten?“ formulierte Tatjana Kerschbaumer als Ab-schlussfrage. „Wir dürfen kein Telekolleg sein, sondern brauchen Dramaturgie“, lautet Emanuel Rot-steins Antwort. „Wissen darf unterhalten.“