BILD.Macht.Deutschland?

Für die Amazon-Dokumentation „BILD. Macht.Deutschland?“ haben sich zwei Giganten des Medienuniversums zusammengeschlossen und eine sehenswerte Reportage geliefert. Eine Reportage über Deutschlands größte Medienmarke sowie Europas meistgelesene Tageszeitung. Näher dran am Geschehen - rund um Chefredakteur Julian Reichelt - des Boulevard-Imperiums war bisher niemand.


„Sich nie aufhalten lassen. Polarisieren. Größer denken, größer schreiben. Überall sein. Laut sein statt flüstern. BILD ist das Leitmedium, das Deutschland bewegt.“ (Axel Springer SE, 2020)


Julian Reichelt (Chefredakteur, rechts) und Paul Ronzheimer (stv. Chefredakteur, links)
Julian Reichelt (Chefredakteur, rechts) und Paul Ronzheimer (stv. Chefredakteur, links)

Ja, diese Sätze kommen von Axel Springer und ja, diese Sätze zeigen, welchen Anspruch Deutschlands größte Medienmarke an sich selbst hat. Und das wird gleich zu Beginn der am Freitag erschienenen siebenteiligen Dokumentation klar. Immer im Ring: Antreiber Julian Reichelt. Der Chefredakteur hält den Druck hoch und liefert den Zuschauer*innen Einblicke in das von Leserzahlen getriebene Nachrichtengeschäft. "Wenn die Hälfte der Auflage weg ist, ist auch die Hälfte eurer Reporter weg.“ Während der Corona-Krise im Home-Office? Das Home-Office der Reporter ist die Straße.

Ein halbes Jahr lang begleitet ein Kamerateam den journalistischen Alltag der Boulevardmarke und dokumentiert unter anderem die größte Nachrichtenlage unserer Zeit, Corona. Die Reportage zeigt aber auch den teils knallharten Journalistenalltag: Filipp Piatov und die Twitter-Causa „Drosten“, Angelique Geray zwischen den Fronten deutscher Corona-Protestler oder Paul Ronzheimer im Schusswechsel in der Ukraine. "I don't think you should be touching the gun, Paul", rät der heimische Journalistenkollege Vadim Moissenko dem Reporter an der Kriegsfront.

Klar, die „Bild“ ist dafür bekannt, zu polarisieren. Die Geschichten sind groß, genauso wie die Überschriften. Und das gilt auch für das Echo. So freut sich der diskussions- und konfliktfreudige Reichelt durchaus, wenn Chinas Botschafter rebelliert oder Donald Trump den deutschen Mediengiganten plagiiert. Nachdem der Chefredakteur sich via Videobotschaft – inklusive passender Untertitelung - an die chinesische Regierung wendet und ihr danach eine „Corona-Rechnung“ zukommen lässt, agiert der US-Präsident in seiner typischen Manier: Er hat auch eine Rechnung an China, aber eine noch größere. Zudem arbeitet sich der erfahrene Kriegsreporter am Thai-König (Schlagzeile: "Thai-König lässt Bild-Fotografen festnehmen"), Karl Lauterbach (O-Ton: „Das ist ein Mensch ohne jegliche Relevanz.“) oder Christian Drosten (Zitat: „Warum trauen alle diesem komischen Wuschelkopf?") ab.

Auch wenn die Dokumentation weitgehend ohne externe Kritiker daherkommt, welche sie journalistisch durchaus aufgewertet hätte, wir dennoch vor allem eines klar: „Bild“ arbeitet mit einer ungeheuren Wucht. Julian Reichelt ist schon vor Beginn eines Anti-Terror-Einsatzes vor Ort – noch bevor überhaupt der Zugriff der Beamten erfolgt. Und Informationen für das Kanzleramt erreichen die Redaktion teils vor den eigentlichen Empfängern. Wen wundert es? Vor dem Springer-Hochhaus fahren nahezu täglich die obersten Machtakteure Deutschlands vor, geheime Hintergrundgespräche finden auf dem Axel-Springer-Boden statt und mit Markus Söder hält der Chef persönlich den SMS-Kontakt.

 

Egal, was man von ihrer journalistischen Herangehensweise hält, die „Bild“ peitscht weiter voran. Konsequent werden Bewegtbildformate wie „BILD Live“ vorangetrieben und Reporter*innen haben ihr mobiles Sendestudio immer mit dabei. Berichtet wird auf allen Plattformen – teils in Echtzeit. Ganz nach Reichelts Motto: „Front row seat to history, da sein, wo es gerade geschieht." Und noch eines scheint das neue Sendestudio-Konzept in Berlin mitzubringen: „Bild“ muss nicht mehr zu den Politiker*innen; diese kommen nun scharenweise zur „Bild“.


Zweifelsohne fehlen der Serienreihe Einordnungen, Gegenstimmen oder Verweise auf Rügen vom Presserat. Dennoch kann man dem hochmotivierten Axel-Springer-Trupp auch durchaus Respekt zollen, welche Arbeit in diesem Haus geleistet wird. Und ja: Die Doku ist – trotz ihrer Schwächen – einer der wohl umfangreichsten Unternehmungen in Sachen Transparenz im Journalismus. Wenn auch nicht ganz ohne Eigennutz.